Gegen jegliche Art des Personenkultes und für eine differenzierte Kritik Luthers! ?>

Gegen jegliche Art des Personenkultes und für eine differenzierte Kritik Luthers!

Hunderttausende Menschen sind am Wochenende des Kirchentages und zum Stadtfest nach Wittenberg, in die Lutherstadt, gekommen. Das sowieso schon extrem kommerziell angelegte Großereignis kannte keine Grenzen der Vermarktung Luthers. Von Kartoffeln bis Playmobilfiguren konnte sich jeder Mensch sein Stück Luther kaufen. Doch sind wir der Meinung, dass es nie gut sein kann, einen Menschen derartig zu glorifizieren. Natürlich erst recht nicht, wenn man begründete Kritik an ihm äußern kann. Allerdings ist eine völlige Ablehnung Luthers ebenfalls nicht unsere Intention.
Deshalb sind wir für eine differenzierte Lutherkritik und gegen Luthers Heldenfigur!
Luther hat eine Reformation mit Hilfe vieler anderer Reformatoren vorangebracht. Gegen Ausbeuter, welche aus der Unwissenheit des damaligen Volkes Gewinn zogen, kämpfte Luther.
Dies begann beim Ablasshandel, welcher Menschen für Geld den Erlass von Sündenstrafen versprach. Doch ihr Geld floss daraufhin in die Taschen der Kirche in Rom, des Erzbischofs und in die des Ablasshändlers.
Es ging weiter bis zur Bibelübersetzung, bei der Luther allen Menschen das Werk, aufgrund dessen sie diese Unterdrückung hinnahmen übersetzte und somit aufzeigte, dass vieles was die Menschen über sich ergehen ließen eben nicht in der Bibel stand.
Diesen Zustand bekämpfte Luther zurecht. Für seine Arbeit wurde er so hart bestraft, dass er schließlich für vogelfrei erklärt wurde, was ihn allerdings nicht in die Knie zwang.
Doch sollte man Luther dafür blind feiern? Sicher nicht.
„Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding […] Man sollte ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecken, […] unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien […] ihre Häuser desgleichen zerbrechen und zerstören.“ – Luther
Luther untermauerte zu seiner Zeit den sowieso schon vorherrschenden Hass auf Jüdinnen und Juden mithilfe seiner Auslegung der Bibel und forderte 1543 die evangelischen Fürsten zur Vertreibung oder Versklavung der Jüdinnen und Juden auf. Luther kann ohne Zweifel als Antijudaist bezeichnet werden. Er legitimierte, auch nur mit indirekter Schuld, den später nicht mehr religiös, sondern rassistisch geprägten Hass auf jüdische Menschen, den Antisemitismus. Die deutschen Christen in der Zeit des Nationalsozialismus und die Nationalsozialist*innen selbst beriefen sich auf Luther um z.B. die Novemberprogrome 1938 zu rechtfertigen, bei denen in einer Woche etwa 400 Jüdinnen und Juden ermordet wurden, über 1400 Synagogen und andere jüdische Versammlungsorte – und tausende Wohnungen, Geschäfte von Jüdinnen und Juden sowie jüdische Friedhöfe zerstört wurden. Zudem wurden ab dem 10. November über 30000 Jüdinnen und Juden in Konzentrationslagern inhaftiert.
Auch wenn Luther nicht die direkte Schuld hierfür zugewiesen werden kann, sollte man seinen Judenhass im Rahmen der Veranstaltungen in Zukunft stärker beleuchten.
Doch ihn als puren Antisemiten hinzustellen wäre ein Fehler. Da er keinen rassistischen, sondern religiösen Hass auf das Judentum und seine Anhänger hatte und somit ein Antijudaist war. Zudem ist er in diesem Fall nur das Produkt seiner Zeit gewesen.
Dies ist jedoch keine Entschuldigung für seine Schriften und wäre er der Vordenker gewesen, als der er während des Jahres 2017 besonders, doch auch in der Zeit davor so stark bejubelt wurde, hätte er gegen diesen sinnlosen Hass vorgehen müssen, was er nicht tat.
„Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“-Luther
Luther erniedrigte nicht nur in diesem Zitat Frauen und begrenzte ihre Rolle auf Kinder bekommen und häusliche Pflichten. Das sind keine vordenkerischen Ansichten, sondern ist schlichtweg Sexismus, den es als solchen zu verachten gilt.
„So war auch keine Furcht und Scheu mehr im Volk, ein jeglicher tat schier, was er wollte. Niemand wollte etwas geben und doch prassen, saufen, kleiden und müßig gehen, als wären sie allzumal Herren. Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wußte Gott wohl; drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.“ -Luther
Die Reformation, die Luther zuerst selbst mit anzettelte, war bald nicht mehr in Luthers Sinne und er distanzierte sich z.B. von den revolutionäreren Gedanken des Reformators Müntzer.
Doch er ging sogar noch weiter und stellte sich gegen die von Ausbeutung geplagten Bäuerinnen und Bauern, welche endlich den Mut zusammennahmen für ihre Freiheit zu kämpfen. Luther hingegen ging auf die Seite der Fürsten und machte das Volk der Bauern lächerlich, sowie ihren Kampf für Freiheit. Für ihn musste ein autoritäres Regime von wenigen weiterhin die Kontrolle über die Mehrheit halten. Diese Ansichten sind von demokratischen Ansichten weit entfernt. Auch durch die mangelnde Unterstützung von großen Reformatoren wie Luther scheiterte die Revolution für ein gerechtes Leben auf der Erde für die Bauern und das freie Bauerntum wurde als politische Kraft ausgeschaltet.

Zum Fazit stellen wir uns klar gegen den Heldenkult um Luther, so wie gegen jeden Personenkult. Luther kann mit Judenhass und Sexismus nicht als Held der Stadt Wittenberg dargestellt werden.
Doch auch undifferenzierte Kritik an Luther können wir nicht gutheißen. Man sollte den Mensch Luther, so wie jeden Menschen, differenziert sehen und ihn im Kontext seiner Herkunft betrachten. Er brachte die Menschen im Mittelalter voran, doch auch er löste sich nicht komplett von damals festen Denkmustern, was ihn für den Titel „Vordenker“ disqualifiziert.
Wir sind für ein Wittenberg ohne „Lutherstadt“, aber für ein Wittenberg mit Luther als differenziert betrachtete Person in der Geschichte der Stadt, doch nicht als Held.


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